Zwei Zahlen, und beide stimmen
Ich will das Haus verkaufen, das ich vor zweieinhalb Jahren gebaut habe. Demnächst sagt mir zum ersten Mal jemand, was es wirklich wert ist.
Ich habe eine Zahl im Kopf. Ich habe sie noch niemandem gesagt, aber sie ist da, seit Wochen, und sie ist erstaunlich präzise für etwas, das ich mir selbst ausgedacht habe.
Demnächst kommt ein Makler und bewertet das Haus. Dann nennt mir zum ersten Mal jemand eine Zahl, die nicht meine ist. Ich merke schon jetzt, dass ich diesen Termin gleichzeitig will und nicht will. Am liebsten wäre mir, er sagt einfach meine Zahl.
Die erste Zahl gehört mir
Meine Zahl kommt von dem, was das Haus mich gekostet hat. Ich habe vor zweieinhalb Jahren gebaut, und ich habe teuer gebaut. Was ich mir heute vorstelle, liegt deutlich darunter. Ich habe also längst abgeschrieben, bevor überhaupt jemand geboten hat, und komme mir dabei ziemlich vernünftig vor.
Die andere Zahl kommt aus der Gegend. Hier auf dem Land kosten Häuser das, was sie hier eben kosten, und das ist deutlich weniger als das, was ich mir vorstelle. Diese Zahl interessiert sich nicht dafür, was ich bezahlt habe.
Beide Zahlen stimmen. Meine stimmt für mich, weil ich jede Rechnung dazu noch habe. Die andere stimmt für jeden, der sich hier umschaut und vergleicht. Und weil beide stimmen, passiert erst einmal gar nichts.
Was ich bezahlt habe, ist keine Eigenschaft des Hauses
Das ist der Satz, den ich mir gerade selbst beibringe.
Was ich bezahlt habe, ist keine Eigenschaft des Hauses. Es ist meine Geschichte, nicht seine.
Wer hier kauft, kauft kein Haus mit meiner Vergangenheit dran. Er kauft Lage, Quadratmeter, Zustand, Baujahr. Meine Rechnungen sind für ihn ungefähr so wichtig wie die Frage, wie lange ich für die Farbe im Flur gebraucht habe.
Ich weiß das. Ich verstehe es sogar. Und trotzdem rechne ich innerlich weiter mit meiner Zahl, und immer wenn ich eine niedrigere höre, denke ich zuerst, dass sich die andere Seite irrt.
Was ein Haus teuer macht, macht es nicht wertvoll
Das ist der Teil, den ich vorher nicht verstanden hatte. Wer baut, baut für sich. Man trifft hunderte Entscheidungen, und fast jedes Mal entscheidet man sich für das, was einem selbst besser gefällt. Genau diese Entscheidungen bezahlt am Ende niemand mit.
Bei mir ist das zum Beispiel die Dämmung. Ich habe ein Niedrigenergiehaus gebaut, und ich wollte kein Plastik in den Wänden haben. Das war mir wichtig genug, um dafür mehr zu bezahlen. Es ist gleichzeitig das Einzige im ganzen Haus, das man weder sieht noch anfassen kann. Im Exposé bleibt davon am Ende eine Zeile übrig, die vermutlich niemand liest.
Oder die Fußmatten. Die sind bei mir bündig in den Boden eingelassen, damit an den Türen nichts hochsteht und nichts verrutscht. Darüber freue ich mich seit zweieinhalb Jahren jeden Tag. Ich glaube trotzdem nicht, dass jemand dafür einen Euro mehr bezahlt. Wahrscheinlich fällt es nicht einmal auf.
Und dann die KNX-Steuerung. Die war teuer, sie läuft, und ich vermute, dass sie bei manchen sogar Punkte kostet. Wer damit noch nie zu tun hatte, sieht keine schöne Technik, sondern etwas, das er erst verstehen und im Zweifel reparieren lassen muss.
Was ein Haus teuer macht, sind die Extras. Was ein Haus verkauft, sind die Grundlagen. Das sind zwei verschiedene Listen, und aus Sicht eines Verkäufers habe ich zweieinhalb Jahre lang an der falschen gearbeitet.
In meiner Gegend zählt eher der Ort
In meiner Gegend scheint sich ein Haus weniger über seine Ausstattung zu verkaufen als über den Ort, an dem es steht. In einer Stadt findet sich vermutlich für fast jedes Haus irgendwann jemand. Hier ist der Kreis klein. Es müssen Leute sein, die genau hierher wollen, und die es sich in genau diesem Moment leisten können und auch wollen. Das sind nicht viele, und ich kann nichts tun, damit es mehr werden.
Das ist kein Vorwurf an die Gegend. Ich habe mich ja bewusst hierher gestellt, und ausgerechnet die Gründe, die es hier ruhig machen, sind die Gründe, warum der Kreis klein ist. Es heißt nur, dass ich mit Geduld bezahle, was ich in der Stadt mit Geld bezahlt hätte.
Was ich dabei nicht vergessen will
Ich beschwere mich hier auf hohem Niveau. Ich habe ein Haus. Ich habe überhaupt die Wahl, es zu verkaufen. Viele Menschen führen diese Diskussion nie, weil sie nie in der Lage waren, sie zu führen. Das gehört dazu, wenn ich ehrlich bleiben will.
Und der Verlust, über den ich rede, ist einer auf dem Papier. Ich habe in diesem Haus gewohnt. Ich habe darin gefrühstückt, gearbeitet, schlecht geschlafen und wieder gut. Das war kein Investment, das schiefgegangen ist. Das war ein Zuhause, das Geld gekostet hat.
Die Frage, die ich mir noch nicht beantwortet habe
Hier wird es unangenehm.
Solange niemand meinen Preis zahlt, muss ich nichts entscheiden. Ich kann warten, und Warten sieht von außen aus wie Vernunft. Ich habe schon einmal darüber geschrieben, dass ein Grund echt sein kann und trotzdem die Arbeit einer Ausrede erledigt. Frei wäre ich ja gern. Nur nicht heute.
Damals war das Haus der Grund zu bleiben. Jetzt ist es ein Preis. Und ich frage mich, ob ich mir mit dieser Zahl gerade eine sehr elegante Verlängerung gebaut habe.
Vielleicht ist meine Zahl ein Marktpreis. Vielleicht ist sie eine Erlaubnis, noch nichts zu tun. Ich weiß es ehrlich nicht. Ich glaube, ich werde es erst wissen, wenn zum ersten Mal jemand eine Summe nennt und ich merke, was ich dabei fühle.
Das Haus ist der größte Posten in jedem Plan, den ich habe. Insofern ist diese Bewertung kein Termin, sondern eine Antwort.
Ich schreibe hier, was dabei herauskommt.
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